«Wir müssen die Risiken suchen, um vermehrt Prävention zu betreiben»

23.11.2017

Rund 300 Gesundheitsfachleute trafen sich am 22. und 23. November zur Swiss Public Health Conference 2017 in Basel, um personalisierte Gesundheit aus wissenschaftlicher, ethischer und ökonomischer Sicht zu beleuchten. Diskutiert wurden die Chancen und Risiken der per-sonalisierten Medizin, die Balance zwischen Schutz und Zugang zu Personendaten, die For-schung im Zeitalter der Präzisierungsmedizin, die Bedeutung der Prävention zur Verbesserung der Gesundheit und Lebensqualität der Bevölkerung sowie Public Health im weltweiten Kontext.

«Wir können Tausende von Molekülen in den Körperflüssigkeiten und Geweben eines Menschen messen. Wir können den Lebensstil abbilden oder die sozialen Netzwerke abfragen», so die Epidemiologin und Public-Health-Spezialistin Nicole Probst-Hensch vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) zu Beginn der Swiss Public Health Conference 2017 in Basel.

Rund 300 Gesundheitsfachleute aus Wissenschaft, Politik, Nichtregierungsorganisationen und Privatwirtschaft befassten sich am 22. und 23. November im Congress Center Basel mit dem Thema «Personalisierte Gesundheit aus Public-Health-Perspektive». Organisiert wurde die Konferenz von Public Health Schweiz, der Swiss School of Public Health und dem Swiss TPH.

Chancen und Risiken der personalisierten Gesundheit

Es gibt immer mehr Daten und Quellen sowie die Möglichkeit, diese zu verknüpfen, um den Zustand unserer Gesundheit besser zu messen und zu verstehen. «Das Feld der personalisierten Gesundheit will diese persönlichen Daten nutzen, um einen Mehrwert für die gesamte Bevölkerung zu erzielen», zitierte Probst-Hensch die Definition des Begriffs durch die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften.

An der Konferenz ging es in Vorträgen, Podien und Diskussionsrunden um die Chancen, aber auch die Risiken der personalisierten Gesundheit, wie sie sich dem anwendungsorientierten Fachgebiet für Public Health (öffentliche Gesundheit) stellen. Denn wenn einerseits die immer umfassenderen und differenzierteren Gesundheitsdaten die Grundlage für eine erfolgreiche, auf den individuellen Menschen zugeschnittene medizinische Versorgung schaffen, gilt andererseits auch: Die Folgen der personalisierten Therapie wie zum Beispiel die steigenden Gesundheitskosten, die Datenschutzfrage sowie die Frage der sozialen Gerechtigkeit dürfen nicht ausser Acht gelassen werden. «Die Kosten der personalisierten Therapien sind für Niedriglohnländer nicht tragbar und ich gehe davon aus, dass sie auch unser Gesundheitswesen künftig herausfordern werden», so Probst-Hensch in ihrem engagierten Referat, in dem sie auf konkrete Krankheiten und deren komplexen Ursachen einging.

Eine Belastung für die Gesundheitssysteme

«Chronische Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen weltweit zu», unterstrich sie wie auch verschiedene weitere Referierende an der Konferenz. Das überfordere die Gesundheitssysteme in ärmeren Ländern. Man müsse vermehrt auf die primäre Prävention setzen, dies sei in den meisten Fällen günstiger als eine Behandlung. Ausserdem gelte es zu bedenken: «Leben mit einer chronischen Krankheit ist ein Leben mit Behinderung und selbst wenn wir in Behandlung sind, ist es nicht das Gleiche, wie wenn wir gesund sind», so Probst-Hensch.

«Wir müssen die Risiken suchen, um vermehrt Prävention zu betreiben», betonte sie. Das grosse Potential der personalisierten Gesundheit für Public-Health-Fachleute sei, dass man heute mit neuen Methoden nach Risiken für Krankheiten suchen könne: «Forschung im Zeitalter der Präzisierungsmedizin ermöglicht ein gänzlich neues mechanistisches, kausales Verständnis von Krankheiten und Wohlbefinden.»

Die Frage der personalisierten Gesundheit fokussiere nicht ausschliesslich die einzelnen Patientinnen und Patienten, sondern habe die gesamte Bevölkerung im Blick. Dabei sei die Prävention für sie als Forscherin das oberste Ziel, so Probst-Hensch: «Die Gesundheitserhaltung der Bevölkerung ist ein zentrales Ziel der personalisierten Gesundheit aus der Public-Health-Perspektive.»

Swiss TPH und Public Health

Das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) hat sich seit seiner Gründung vor über 70 Jahren zu einer international anerkannten Organisation für Lehre, Forschung und Dienstleistungen zur Verbesserung der Gesundheit der Menschen weltweit entwickelt. 2009 wurde das in den Bereichen der Umweltepidemiologie, chronischen Krankheiten und Frauengesundheit national und international anerkannte Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Basel in das Swiss TPH integriert. Heute arbeiten rund 800 Mitarbeitende aus über 70 Ländern in Basel und weltweit für das Swiss TPH. Zu den Forschungsschwerpunkten zählen übertragbare und nichtübertragbare Krankheiten sowie deren biologische, soziale, ökonomische und physikalische Ursachen wie auch Gesundheits-, Umwelt- und Ökosystemforschung zur Verbesserung der globalen Gesundheit. Das Swiss TPH leitet die für die Schweiz einzige bevölkerungsbezogene, national abgestützte Langzeitstudie (SAPALDIA-Kohortenstudie und -Biobank) sowie die jüngste nationale Initiative für eine grosse Bevölkerungskohorte.