Die Schweiz überdenkt ihre internationale Zusammenarbeit – doch was droht dabei verloren zu gehen? Seit Jahrzehnten tragen langfristige Partnerschaften dazu bei, Gesundheitssysteme zu stärken, Forschungskapazitäten aufzubauen und Schweizer Institutionen international zu vernetzen. Davon profitieren die Partnerländer ebenso wie die Schweiz: durch Innovation, mehr Gesundheitssicherheit und gewachsene Vertrauensbeziehungen. Humanitäre Hilfe ist unverzichtbar. Doch um Krisen wirksam zu bewältigen, braucht es auch starke Institutionen, Fachwissen und Vertrauen – Grundlagen, die durch langfristige Entwicklungszusammenarbeit entstehen.
Swiss TPH-Direktor Jürg Utzinger erläutert, warum Entwicklungszusammenarbeit auch für die Zukunft der Schweiz wichtig ist – und was die vorgeschlagenen Kürzungen für ihre Innovationskraft bedeuten könnten.
Der Bundesrat schlägt eine grundlegende Neuausrichtung der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz vor und will die Mittel in den kommenden vier Jahren um rund 100 Millionen Franken kürzen.
Die Pläne des Bundesrats sehen vor, erhebliche Mittel von der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit in die humanitäre Hilfe zu verlagern. Gleichzeitig soll sich die Entwicklungszusammenarbeit stärker auf einkommensschwache Länder in Afrika und Asien konzentrieren und sich aus Osteuropa zurückziehen. Zudem sollen Entwicklungszusammenarbeit und wirtschaftliche Entwicklung getrennt werden, indem die Zuständigkeiten zwischen der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) aufgeteilt werden. Darüber hinaus werden eine stärkere Zusammenarbeit mit dem Privatsektor und der Nachweis messbarer Wirkung betont. Mit diesem Entscheid greift der Bundesrat einem etablierten und demokratisch legitimierten Prozess vor: Die Reform soll bereits ab 2027 umgesetzt werden, während die parlamentarischen Beratungen über die neue Strategie der internationalen Zusammenarbeit erst 2028 stattfinden.
Es steht ausser Frage, dass internationale Zusammenarbeit Wirkung erzielen muss und dass eine engere Zusammenarbeit mit dem Privatsektor ein erhebliches Potenzial bietet. Doch Entwicklungszusammenarbeit von Forschung, Innovation und wirtschaftlicher Entwicklung zu trennen, läuft diesem übergeordneten Ziel entgegen.
Entwicklungszusammenarbeit sollte nicht als Selbstzweck verstanden werden, sondern als Teil eines Kontinuums hin zu mehr Eigenständigkeit, nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung und letztlich stärkerer wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Sie bildet eine Grundlage für Innovation, Gesundheitssicherheit und Krisenbewältigung. Kürzungen an dieser Basis drohen Errungenschaften, Partnerschaften und Strukturen zu schwächen, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden, was letztlich den langfristigen Interessen der Schweiz zuwiderläuft und die “Soft Power” unseres Landes unnötig schwächt.
Entwicklungszusammenarbeit ist ein Motor für Innovation
Das Schweizer Life-Sciences-Ökosystem vereint weltweit führende Unternehmen, Universitäten, Forschungsinstitute, Start-ups und internationale Organisationen. Die internationale Zusammenarbeit verbindet dieses Ökosystem mit Forschenden, Entscheidungsträger:innen sowie Gesundheitssystemen auf der ganzen Welt und schafft dadurch einzigartige Möglichkeiten für Innovation. Der Privatsektor kann die Entwicklungszusammenarbeit nicht ersetzen. Es braucht die Zusammenarbeit und strategische Allianzen zwischen verschiedenen Akteuren aus unterschiedlichen Sektoren – davon profitieren letztlich alle Beteiligten.
Ein Beispiel dafür ist die langjährige Partnerschaft zwischen der Schweiz und Côte d’Ivoire. Was 1951 mit Unterstützung des Bundes als kleines Feldlabor begann, ist heute ein renommiertes Forschungszentrum, das Centre Suisse de Recherches Scientifiques en Côte d’Ivoire (CSRS), das rund 20 Prozent der Forschungsleistung des Landes erbringt. 75 Jahre kontinuierliches Schweizer Engagement haben dazu beigetragen, das CSRS zu einem Leuchtturm für Kapazitätsstärkung, Innovation und lösungsorientierte Forschung für nachhaltige Entwicklung in Westafrika zu machen.
Entwicklungszusammenarbeit hat nachweislich dazu beigetragen, die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung zu verbessern, indem sie Gesundheit und Bildung stärkt, lokale Arbeitsplätze schafft und wirtschaftliches Wachstum unterstützt. Sie hat Ländern zudem ermöglicht, eigene Kapazitäten aufzubauen und ihre Abhängigkeit von externer Unterstützung zu verringern.
Programme wie die Forschungsstipendien der Eidgenössische Stipendienkommission für ausländische Studierende (ESKAS), dank denen seit 2013 allein am Swiss TPH 87 Forschende aus 34 Ländern ein Doktorat erworben haben, zeigen, wie akademischer Austausch langfristige Forschungskapazitäten in Partnerländern aufbaut und gleichzeitig der Schweiz zugutekommt. Die Stipendiat:innen bringen neue Ideen ein und vernetzen Schweizer Institutionen mit internationalen Forschungsnetzwerken.
Viele ehemalige ESKAS-Stipendiat:innen übernehmen später Positionen in Gesundheitsministerien, Universitäten und internationalen Organisationen weltweit. Damit schaffen sie langfristige Verbindungen für künftige wissenschaftliche Zusammenarbeit und stärken die Position der Schweiz als vertrauenswürdige globale Partnerin in den Bereichen Bildung, Forschung und Innovation.
Umgekehrt bieten Innovationen aus dem Globalen Süden – von digitalen Patientendossiers und mobiler Diagnostik bis hin zur Logistik mit Drohnen – Lösungen für drängende Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung. Von Ländern wie Tansania können wir lernen, wie sich auch mit begrenzten Ressourcen eine qualitativ hochwertige medizinische Grundversorgung gewährleisten lässt. Innovationen, die ursprünglich für Länder des Globalen Südens entwickelt wurden, werden zunehmend auch für andere Zwecke eingesetzt. So wird beispielsweise Technologie aus der Entwicklung von Malariaimpfstoffen heute auch für Impfstoffe gegen Gürtelrose und das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) genutzt.
Der Klimawandel begünstigt die Ausbreitung von Infektionskrankheiten in höhere Breitengrade. Damit werden die Erfahrungen des Globalen Südens im Umgang mit diesen Krankheiten auch für Länder mit hohem Einkommen zunehmend relevant. Durch Stechmücken übertragene Krankheiten wie Chikungunya, Dengue, Malaria und Zika sind Beispiele dafür. Gleichzeitig nimmt in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen die Belastung durch nichtübertragbare Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zu. Hier kann die Schweiz ihre Expertise einbringen, während diese Länder zugleich wachsende Märkte für Schweizer Diagnostika, Medikamente und andere Innovationen darstellen.
Auch der wirtschaftliche Nutzen für die Schweiz ist konkret. Internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Globale Fonds und Gavi, die Impfallianz, investieren über Forschung, Diagnostika, Medikamente, Impfstoffe, Logistik und technische Dienstleistungen in Schweizer Unternehmen und Institutionen. Der Globale Fonds schätzt, dass seine Aktivitäten zwischen 2023 und 2025 eine Wertschöpfung von 832 Millionen Franken für die Schweiz generiert haben.
Deshalb sollte Entwicklungszusammenarbeit sowohl als Motor als auch als Profitierende von Forschung und Innovation verstanden werden.
Entwicklungszusammenarbeit stärkt die Gesundheitssicherheit der Schweiz
Krankheiten machen nicht an Landesgrenzen halt, wie die COVID-19-Pandemie gezeigt hat. Antimikrobielle Resistenzen, Krankheitsausbrüche, Epidemien und Pandemien können sich international ausbreiten. Der Klimawandel erweitert zudem die geografischen Verbreitungsgebiete von Krankheitsüberträgern wie der Tigermücke, die Dengue- und Chikungunya-Viren übertragen kann. Vor kurzem wurde das Dengue-Virus erstmals in einer Tigermücke im Kanton Basel-Stadt nachgewiesen, und die Tigermücken breiten sich in der Schweiz und den Nachbarländern immer schneller aus.
Investitionen in die Überwachung von Krankheiten, die Vorbereitung auf Epidemien und Massnahmen der öffentlichen Gesundheit sowie in die Ausbildung von Gesundheitsfachpersonen und widerstandsfähige Gesundheitssysteme im Ausland stärken deshalb auch die Vorsorge der Schweiz. Gleichzeitig profitiert die Schweiz von ihrer Einbindung in internationale Netzwerke, die neu auftretende Bedrohungen frühzeitig erkennen und eine koordinierte Reaktion ermöglichen.
Wirkung braucht langfristige Investitionen
Der Bundesrat betont die Bedeutung der Wirkung der Entwicklungszusammenarbeit. Mehrere Studien haben diese bereits belegt. Eine 2026 in The Lancet Global Health veröffentlichte Studie analysierte zwei Jahrzehnte Entwicklungszusammenarbeit in 93 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Sie zeigte, dass höhere öffentliche Entwicklungszusammenarbeit mit einer um 23 Prozent niedrigeren altersstandardisierten Sterblichkeit und einer um 39 Prozent niedrigeren Sterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren verbunden war. Die Sterblichkeit aufgrund von HIV/Aids sank um 70 Prozent und die durch Malaria um mehr als die Hälftet.
In Tansania haben das Swiss TPH und die DEZA eine gross angelegte Moskitonetz-Kampagne durchgeführt, um Menschen vor den Stichen der Anopheles-Mücke zu schützen, die Malaria überträgt. Was in den 1990er-Jahren als Projekt begann, wird heute als nationales Programm von Tansania selbst weitergeführt. Es hat das Sterberisiko von Kindern um 27 Prozent gesenkt und bis heute schätzungsweise eine Million Todesfälle verhindert.
Langfristige Zusammenarbeit stärkt die Krisenbewältigung
In einer zunehmend polarisierten Welt, die von komplexen Konflikten und Kriegen geprägt ist, ist humanitäre Hilfe unverzichtbar. Werden jedoch zu viele Mittel zulasten der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit in die kurzfristige Krisenbewältigung verlagert, besteht die Gefahr, dass zwar die Folgen von Krisen bekämpft werden, gleichzeitig aber die Fähigkeit geschwächt wird, ihnen vorzubeugen.
Wie wirksam humanitäre Hilfe im Krisenfall ist, hängt häufig von genau jenen Strukturen ab, die über viele Jahre aufgebaut wurden: funktionierende Gesundheitssysteme, ausgebildete Fachkräfte, lokale Institutionen, Lieferketten und vertrauensvolle Partnerschaften. Diese Strukturen sind auch für den Wiederaufbau nach einer Krise entscheidend.
Seit fast drei Jahrzehnten arbeitet das Swiss TPH mit ukrainischen Partnern zusammen, um Gesundheitsdienste und die medizinische Ausbildung zu verbessern und damit das Gesundheitssystem zu stärken. Diese langjährige Zusammenarbeit hat Vertrauen und lokales Wissen geschaffen – eine Grundlage, die gerade in Konfliktzeiten besonders wichtig ist. Die humanitäre Hilfe auf Kosten der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit zu stärken, schwächt daher letztlich beides.
Was für eine Partnerin will die Schweiz sein?
Die Partnerschaften, das Wissen und die Institutionen, die über Jahrzehnte der Entwicklungszusammenarbeit aufgebaut wurden, lassen sich nicht einfach ersetzen. Sie schaffen Möglichkeiten für Forschung und Innovation, stärken lokale Kapazitäten, verbessern die Vorbereitung auf gesundheitliche Bedrohungen und bilden die Grundlage für eine wirksame Krisenbewältigung.
Sie sind deshalb auch für die Schweiz von Bedeutung. Diese Beziehungen verbinden Schweizer Institutionen mit internationalen Forschungsnetzwerken, stärken die Innovationskraft der Schweiz und ihre Position als vertrauenswürdige Partnerin und tragen zu ihrer internationalen Ausstrahlung und ihren langfristigen Interessen bei.
Die Aussenpolitische Kommission des Nationalrates hat den Bundesrat aufgefordert, den parlamentarischen Beratungen über grundlegende Änderungen der Strategie der internationalen Zusammenarbeit 2029–2032 nicht vorzugreifen. Dieser Prozess bietet nun die Gelegenheit, nicht nur darüber nachzudenken, wo die Schweiz ihre Mittel einsetzt, sondern auch darüber, welche Art von internationaler Partnerin sie sein will.
Bei der Neuausrichtung ihrer internationalen Zusammenarbeit sollte die Schweiz:
- anerkennen, dass Entwicklungszusammenarbeit und Innovation nicht isoliert voneinander betrachtet werden können, sondern sich gegenseitig vorantreiben;
- langfristige Partnerschaften und Institutionen schützen, deren Aufbau Jahrzehnte gedauert hat;
- Investitionen in Forschung, Kapazitäten und internationale Netzwerke erhalten, von denen sowohl Partnerländer als auch die Schweiz profitieren;
- sicherstellen, dass eine stärkere Gewichtung der humanitären Hilfe nicht auf Kosten jener langfristigen Zusammenarbeit geht, auf der Resilienz und eine wirksame Krisenbewältigung beruhen.
Bei der Debatte geht es deshalb nicht nur darum, wo die Schweiz investiert. Es geht auch darum, welche Partnerschaften, Fähigkeiten und langfristigen Vorteile sie erhalten will, damit sie weiterhin Wirkung und Innovation fördern, wirksam auf globale Herausforderungen reagieren und eine vertrauenswürdige internationale Partnerin bleiben kann.