R. Geigy Award 2026: Anaïs Galli macht Noma sichtbar

06.11.2026

Der 14. R. Geigy Award 2026 geht an Anaïs Galli vom Swiss TPH. Die Epidemiologin wird für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen zu einer lange vernachlässigten Krankheit ausgezeichnet. Ihre Forschung trug dazu bei, dass die Weltgesundheitsorganisation Noma 2023 in die Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten aufnahm. Heute setzt sie sich dafür ein, dass dieser Meilenstein zu konkreten Fortschritten in der Prävention, Früherkennung und Behandlung führt. Der Preis ist mit CHF 20'000 dotiert.

Stiftungspräsident Jürg Utzinger und Vizepräsident Christoph B. Bühler überreichen Anaïs Galli den mit 20'000 CHF dotierten R. Geigy-Förderpreis. (Foto: J. Pelikan, Swiss TPH)

«Noma steht beispielhaft für Krankheiten, die Menschen in extremer Armut schwer treffen und dennoch viel zu lange übersehen werden. Anaïs Galli zeigt, wie wissenschaftliche Forschung dazu beitragen kann, solche gesundheitlichen Herausforderungen sichtbar zu machen und gemeinsam mit den betroffenen Menschen nachhaltige Lösungen zu entwickeln», sagt Jürg Utzinger, Direktor des Swiss TPH und Präsident der R. Geigy-Stiftung.

Noma: Von der Forschung zur internationalen Anerkennung

Noma ist eine rasch fortschreitende Erkrankung, die vor allem mangelernährte Kinder in extremer Armut betrifft. Sie verläuft meist tödlich und verursacht schwere Gesichtszerstörungen und hohe Stigmatisierung bei Überlebenden. Trotz dieser gravierenden Folgen bestehen weiterhin erhebliche Wissenslücken über die genaue Ursache, die weltweite Verbreitung und wirksame Ansätze zur Bekämpfung der Krankheit.

Anaïs Galli begann 2020, die verfügbare wissenschaftliche Literatur zur globalen Verbreitung von Noma systematisch aufzuarbeiten. Die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden 2022 in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Infectious Diseases publiziert und trugen dazu bei, die 
wissenschaftliche Evidenz für die internationale Anerkennung der Krankheit zu stärken. Im Dezember 2023 nahm die WHO Noma in ihre Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten auf: Ein wichtiger Schritt, um der Krankheit mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen und die internationalen Anstrengungen zu ihrer Bekämpfung zu verstärken.

«Die Aufnahme von Noma in die WHO-Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten war ein bedeutender Meilenstein. Sie schafft eine wichtige Grundlage, um Forschung, Prävention und Versorgung weiterzuentwickeln. Entscheidend ist nun, dass wir gemeinsam mit den betroffenen 
Gemeinschaften dafür sorgen, dass dieses Wissen in konkrete Verbesserungen umgesetzt wird», sagt Anaïs Galli.

Anaïs Galli engagiert sich heute dafür, die Forschung zu Noma international voranzubringen. Sie initiierte ein Symposium am Swiss TPH, um die drängendsten Forschungsfragen zu definieren, etablierte die Noma Platform und arbeitet an epidemiologischen Studien in Madagaskar und Togo. 
Zudem wurde sie von der WHO wiederholt als Expertin beigezogen, unter anderem für die Erarbeitung von Leitlinien und Schulungsmaterialien zur Bekämpfung von Noma.

Forschung auf Augenhöhe mit den Betroffenen

Neben ihrer Arbeit zu Noma erforschte und förderte Anaïs Galli bessere Wasser-, Sanitär- und Hygienebedingungen (WASH) in kommunalen Gesundheitszentren in Mali und Burkina Faso, zwei Länder, die von lang anhaltenden Konflikten geprägt sind. Denn der Zugang zu sauberem Wasser, angemessenen sanitären Einrichtungen und guter Hygiene ist eine unverzichtbare Voraussetzung, um Krankheiten vorzubeugen und die Gesundheit von Pflegenden und der betroffenen Bevölkerung nachhaltig zu verbessern.

Was Anaïs Galli generell auszeichnet, ist ihr Verständnis von Forschung als gemeinschaftlichem Prozess. Noma-Überlebende sollen ihre Erfahrungen und Perspektiven aktiv einbringen können: Von der Entwicklung einer Forschungsfrage über die Planung einer Studie bis zur Interpretation der Ergebnisse. Damit trägt Anaïs Galli dazu bei, dass Forschung die Lebensrealitäten der Betroffenen berücksichtigt und Lösungen entwickelt, die ihren tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen.

Mirko Winkler, Professor für Urban Public Health am Swiss TPH, betont die besondere Verbindung von wissenschaftlicher Qualität und transdisziplinärer Zusammenarbeit: «Anaïs verbindet eine hohe wissenschaftliche Kompetenz mit der aussergewöhnlichen Fähigkeit, Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Interessen zusammenzubringen.»

Auch Peter Steinmann, Leiter der Einheit «Diseases and Programmes» am Swiss TPH und ihr wissenschaftlicher Betreuer, hebt insbesondere ihren respektvollen Umgang mit den Betroffenen hervor: «Anaïs begegnet Noma-Überlebenden auf Augenhöhe und bezieht ihre Perspektiven 
konsequent in ihre Forschung ein. Diese Haltung ist keineswegs selbstverständlich und verschafft ihr viel Anerkennung und Glaubwürdigkeit», sagt er. 

Über den R. Geigy Award

Der R. Geigy Award wurde erstmals im Jahr 2000 verliehen. Seither zeichnet die R. Geigy-Stiftung alle zwei Jahre eine oder mehrere Personen aus, die sich durch hervorragende Leistungen in der Erforschung und Bekämpfung von Tropenkrankheiten, vernachlässigten Krankheiten oder auf dem Gebiet der globalen Gesundheit verdient gemacht haben. Der Preis erinnert an Prof. Dr. Rudolf Geigy (1902–1995), den Biologen und Gründer des Swiss TPH. Ziel der Auszeichnung ist es, wissenschaftliche Leistungen zu würdigen, die dazu beitragen, die Gesundheit insbesondere benachteiligter Bevölkerungsgruppen nachhaltig zu verbessern.

Über die R. Geigy-Stiftung

Die R. Geigy-Stiftung ist die Stiftung des Swiss TPH. Mit strategischen Mitteln unterstützt sie das Swiss TPH dabei, einen Beitrag zu einer gesünderen Welt zu leisten – in enger Partnerschaft mit vernachlässigten Bevölkerungsgruppen vor Ort. Die Stiftung fördert innovative Forschungs- und Umsetzungsprojekte, investiert in zentrale Infrastruktur und unterstützt die Karriere junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Dabei teilt sie den Grundsatz, dass sich künftige gesellschaftliche Herausforderungen nur gemeinsam angehen lassen («Mutual learning for change»). Die Stiftung wird von Jürg Utzinger, dem Direktor des Swiss TPH, präsidiert.
 

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