«Forschung ist das eine – sie umzusetzen das andere» – Alumni-Interview mit Christian Schätti Zundel
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06.07.2026 - Myrta Brunner

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen ist Christian Schätti Zundel zuständig für die Qualitätsanforderungen der Wässer im Schweizer Lebensmittelrecht. Der Swiss-TPH-Alumnus erklärt, warum der Transfer von Forschungsergebnissen in die Politik eine Kunst ist – und warum er in der Bundesverwaltung mehr bewegen kann als in der Forschung.

Hallo Christian, bitte stelle dich vor.

Ich bin Chemiker HTL und Epidemiologe. Teile meiner Ausbildung habe ich am Swiss TPH und seinem Vorgänger, dem Schweizerischen Tropeninstitut (STI), absolviert. Dabei schloss ich 2007 einen MA in African Studies ab, gefolgt von einem PhD in Epidemiologie 2011.

Meine Doktorarbeit drehte sich um Cholera, eine wasserübertragene Krankheit, die ohne Behandlung in der Hälfte der Fälle tödlich verläuft. Im Rahmen eines grossen WHO-Projekts erhielten 50'000 Menschen erstmals in einem endemischen Gebiet eine Choleraschluckimpfung. Ich untersuchte die Akzeptanz dieser Impfung in Zanzibar, Tansania. Mich interessierte, welche Hürden und Vorbehalte in der Bevölkerung bestanden und ob die Impfung ökonomisch sinnvoll ist.

Seit 2013 arbeite ich in der Bundesverwaltung, zuerst beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), seit 2020 beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Als wissenschaftlicher Mitarbeiter bin ich zuständig für alle Wässer in der Schweiz nach Lebensmittelrecht – also Trinkwasser, Dusch- und Badewasser, sowie natürliches Mineralwasser und Quellwasser.

Christian Schätti Zundel bei seiner PhD-Forschung in Zanzibar (Foto: privat)
Christian bei seiner PhD-Forschung in Zanzibar, auf der Suche nach Antworten über Akzeptanz und Hürden einer Choleraimpfung. (Foto: privat)

Was hat dir deine Zeit am Swiss TPH für deine Karriere mitgegeben?

Das ist schwierig auf einen Punkt zu bringen – für mich gehören viele Aspekte dazu. Wichtig war sicher die fundierte Ausbildung und die Vielfalt der Projekte, in die ich Einblick bekommen habe. Beeindruckt hat mich von Anfang an das internationale Netzwerk: Das STI war damals noch viel kleiner als heute, aber die Internationalität war schon spürbar. Es war bereichernd, mit Menschen aus verschiedenen Ländern und Fachgebieten in Kontakt zu kommen. Ich habe mich gut aufgehoben und betreut gefühlt, auch während meiner Zeit in Zanzibar.

Was mich bis heute begleitet, ist vor allem das Verständnis dafür, wie Forschung funktioniert. Ich forsche zwar nicht mehr selbst, aber ich sitze heute auf der anderen Seite des Tisches: In meiner Arbeit schreibe ich auch Forschungsprojekte und Aufträge für Beratungsmandate aus und darf Subventionsanträge beurteilen. Ich weiss, wie ich Ausschreibungen so gestalte, dass ich möglichst hochwertige und zielführende Einreichungen bekomme, wie ich unter den eingereichten Proposals das richtige auswähle – und schliesslich, wie ich nach Abschluss des Projekts die Ergebnisse einordne und daraus ein Fazit ziehe. Denn am Ende stellt sich immer die Frage: Was bedeuten diese Resultate und sind allfällige Anpassungen in der Regulierung auch gesellschaftlich sinnvoll?

Christian Schätti Zundel präsentiert die Forschungsergebnisse seines PhDs in Mumbai, Indien (Foto: privat)
Christian präsentiert die Forschungsergebnisse seines PhDs in Mumbai, Indien.
Christian Schätti Zundel nach seiner erfolgreichen PhD-Defense (Foto: privat)
Christian nach seiner erfolgreichen PhD-Defense. Heute sitzt er auf der anderen Seite des Tisches, wenn es um Forschung geht. (Foto: privat)

Du hast in zwei grossen Bundesämtern gearbeitet – beim BAG und nun beim BLV. Kannst du ein Projekt beschreiben, das dir besonders am Herzen liegt?

Ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt, ist LeCo – eine Studie darüber, warum sich Legionellen in Wasserleitungen und sanitären Anlagen von Gebäuden ausbreiten und was dagegen gemacht werden kann.

Die Zahl der schweren Lungenentzündungen durch Legionelleninfektionen steigt weltweit und in der Schweiz stark an seit Jahren – dem BAG werden 500 bis 600 Legionärskrankheitsfälle pro Jahr gemeldet. Wir wollten unter anderem vom LeCo-Projektkonsortium herausfinden lassen, welche Rolle Gebäudetrinkwasserinstallationen beim Auftreten von Krankheitsfällen spielen – also: Wie muss z. B. ein Gebäude betrieben werden, damit man sich beim Duschen nicht ansteckt? Eine Teilstudie des Swiss TPH untersuchte zudem, an welchen Orten, auch ausserhalb der Dusche, sich Menschen infizieren.

Die Ergebnisse haben gezeigt, dass die Situation komplex ist. So stellte sich etwa heraus, dass Duschen vermutlich nicht die Hauptinfektionsquelle sind – andere Quellen wie Kühltürme auf Hausdächern spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Gleichzeitig bleibt das Risiko beim Duschen real, wenn das Wasser kontaminiert ist.

Der Bund hat zu den Empfehlungen des Projekts Stellung genommen und Massnahmen abgeleitet. Meine Herausforderung als Teil des BLV ist es nun, diese Erkenntnisse so umzusetzen helfen, dass die Zahl der Krankheitsfälle möglichst sinkt.

Was würdest du aktuellen Studierenden sagen, die eine Karriere in der Bundesverwaltung in Betracht ziehen?

Ich finde, Policy-Making ist eine sinnvolle und wichtige Aufgabe. Das Parlament braucht die Bundesverwaltung und ihre Fachleute, um fundierte Entscheidungen treffen zu können, die im Interesse der Bevölkerung liegen. Im Vergleich zur Forschung hat man hier meiner Meinung nach mehr Möglichkeiten, direkt Einfluss zu nehmen.

Entscheidend dabei ist die Umsetzung der Forschungsresultate: Es steht für mich nicht die Forschung selbst im Zentrum, sondern eher was danach kommt. Wir fragen uns, was wir mit den Ergebnissen machen und wie wir allfällige Massnahmen umsetzen. Diese Prozesse sind langwierig, und es braucht gute Argumente, um z. B. Rechtsanpassungen zu rechtfertigen und durchzusetzen.

Das Verfassen von wissenschaftlichen Publikationen ist beim Bund weniger gefragt als in der Forschung. Stattdessen steht das Studieren von Berichten im Vordergrund, zum Beispiel der Schlussbericht eines Projekts. Es geht darum, Ergebnisse zusammenzufassen und die wichtigsten Schlüsse zu ziehen, ohne Druck, in möglichst guten Journals zu publizieren.

Es gibt aber durchaus Leute, die beim Bund noch forschen – ich bin eher derjenige, der die Forschungsergebnisse in die Praxis übertragen hilft.

Du hast erwähnt, dass der Transfer von Forschungsergebnissen in die Politik ein langwieriger Prozess ist. Wie sieht das in der Praxis aus?

In der Wissenschaft gibt es viele etablierte Methoden, um Fragen systematisch zu beantworten. Im Transfer von Forschungsresultaten in die Politik ist das anders – eine Anleitung gibt es leider nicht. Zuerst stellt sich die Frage, was überhaupt machbar ist. Dann gehen die Änderungsvorschläge durch den politischen Prozess: Konsultation in der Bundesverwaltung, öffentliche Vernehmlassung, Einarbeitung der Rückmeldungen, schliesslich die Diskussion im Bundesrat.

Forschungsergebnisse in Vorgaben zu übersetzen, die der Gesellschaft zugutekommen – das ist eine Kunst.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Eine Studie kommt zum Schluss, dass der Höchstwert eines Stoffes im Trinkwasser niedriger sein sollte als die aktuelle Regelung, um die Konsumierenden bestmöglich zu schützen. Am BLV fragen wir uns dann, ob das umsetzbar ist und was es etwa für Wasserversorger bedeutet, die den Stoff aus dem Trinkwasser filtern müssten. Wenn wir ihnen neue Regeln vorschreiben wollen, müssen wir ihnen auch erklären können, warum sie wichtig und richtig sind.

Quellschutzzone und Warnschilder in der Schweiz (Foto: privat)
Als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim BLV ist Christian zuständig für die Anforderungen an die Qualität aller Wässer gemäss dem Lebensmittelgesetz. Vorgaben zum Schutz von Quellwasser sind dabei sehr wichtig, werden jedoch ausserhalb seines Aufgabengebietes im Gewässerschutzgesetz geregelt. (Foto: privat)

Du warst in der Lehrveranstaltung «Meet the Epidemiology Professionals» zu Besuch. Welche Frage der Studierenden war besonders spannend?

Ich war positiv überrascht vom breiten Publikum im Kurs – die Studierenden kamen aus verschiedenen Ländern und Disziplinen, was die Diskussionen sehr lebendig gemacht hat.

Eine Frage, die ich spannend fand, war, wie ich persönlich mit KI umgehe. Meine klare Haltung: KI-generierte Texte und Analysen muss man immer kritisch prüfen und reflektieren. Es gibt Aufgaben, die KI sehr gut erledigen kann, zum Beispiel die Kernaussagen einer Studie zusammenfassen. Aber die inhaltliche Arbeit, das eigene Denken und Einordnen, muss man selbst leisten.

Eine weitere Frage, die viele Masterstudierende beschäftigte, war, ob man für eine erfolgreiche Karriere einen PhD braucht. Für die Bundesverwaltung kann ich das klar beantworten: nein. Für die meisten Stellen als wissenschaftliche Mitarbeitende reicht ein Masterabschluss. Ein PhD ist sicher bereichernd – aber er verlängert auch den Weg ins Berufsleben. Und dieser Schritt gelingt auch ohne ihn.

Welche Veränderung würdest du dir für unsere Gesellschaft wünschen?

Ich würde die chemische Verschmutzung unserer Umwelt einschränken. Unsere Gesellschaft braucht viele Substanzen, die früher oder später in die Umwelt gelangen – auch in Gewässer, wo sie aquatische Organismen beeinträchtigen oder die Wasserversorgung belasten können. Je weniger wir darauf achten, desto grösser wird der Aufwand, um sauberes Wasser zu erhalten.

Ein Beispiel, das heute viel diskutiert wird, sind PFAS. Die Forschung hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht – wir erkennen mehr Verbindungen und finden Lösungsansätze, aber verstehen auch besser, wie schädlich sie sind.

Deshalb plädiere ich für Vorsorge statt Nachsorge. Diese Schadstoffe sind ein globales Problem, und ich glaube, wir müssen jetzt handeln und sorgfältiger mit unserer Welt umgehen, bevor der Schaden noch grösser wird.