Der heutige Welttag der Patientensicher erinnert daran, dass eine sichere und hochwertige Versorgung allen Menschen zusteht – auch denjenigen, die bei der Entwicklung von Medikamenten lange Zeit übersehen wurden. So gab es beispielsweise für Kinder im Vorschulalter, die einem Risiko für Bilharziose ausgesetzt waren, jahrzehntelang keine zugelassene, altersgerechte Behandlung. Im März 2025 wurde in Uganda erstmals ein Kind mit einem neuen Medikament gegen Bilharziose für Kinder im Vorschulalter behandelt. Im Beitrag erfahren Sie mehr über die Geschichte einer langjährigen internationalen Zusammenarbeit, die einen ungedeckten medizinischen Bedarf in eine neue Behandlungsmöglichkeit für Kinder im Vorschulalter verwandelt hat.
Bilharziose, auch Schistosomiasis genannt, wird durch parasitäre Würmer verursacht, die über Süsswasserschnecken übertragen werden. Weltweit sind mehr als 250 Millionen Menschen betroffen, darunter schätzungsweise 50 Millionen Kinder im Vorschulalter. Die Erkrankung kann Wachstum, kognitive Entwicklung und die langfristige Gesundheit beeinträchtigen. In Afrika gehört Bilharziose zu den am weitesten verbreiteten parasitären Erkrankungen.
Eine kritische Behandlungslücke
Obwohl Kinder unter sechs Jahren gefährdet sind, gab es lange Zeit keine geeignete Behandlung für diese Altersgruppe. Um diese Lücke zu schliessen, wurde 2012 das öffentlich-private Pediatric Praziquantel Consortium gegründet, das Partner aus Forschung, Pharmaindustrie und dem Non-Profit-Sektor vereint. Das Swiss TPH gehörte zu den Gründungsinstitutionen und unterstützte entlang des gesamten Entwicklungswegs – von früher Laborforschung über klinische Studien bis hin zur Einführung des neuen Medikaments in den ersten Ländern.
«Praziquantel ist seit Jahrzehnten das wichtigste Medikament gegen Bilharziose. Lange war jedoch nicht klar, welcher der beiden Bestandteile des Moleküls hauptsächlich für die Abtötung der Parasiten verantwortlich ist», erinnert sich Jennifer Keiser, Leiterin der Forschungsgruppe «Helminth Research and Medicines» am Swiss TPH.
In Laborstudien verglichen Forschende des Swiss TPH die Wirkung der beiden Molekülformen auf verschiedene Schistosomenarten und Entwicklungsstadien. Damit lieferten sie die wissenschaftliche Grundlage für die Entwicklung einer gezielteren und kindgerechten Behandlung.
Das Konsortium arbeitete dann daran, die geeignete Dosierung festzulegen, den Geschmack zu verbessern und eine einfach zu verabreichende Formulierung zu entwickeln. Das Ergebnis ist eine auflösbare, kindgerechte Tablette, die auch unter tropischen Bedingungen stabil bleibt.
Von der Evidenz zur Umsetzung
Klinische Studien konnten aufzeigen, dass das neue Medikament für Kinder im Alter von drei Monaten bis sechs Jahren sicher und wirksam ist. Die Ergebnisse unterstützten die regulatorische Zulassung: Das Medikament erhielt 2023 eine positive wissenschaftliche Bewertung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) und wurde 2025 in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO aufgenommen.
Das Swiss TPH leitete die klinischen Studien in Tansania, Côte d’Ivoire und Kenia in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partnern. Dies erforderte nicht nur die Umsetzung der Studien gemäss internationalen Standards, sondern auch den Aufbau der notwendigen Infrastruktur und die Stärkung von Fachkompetenzen.
«Früher gab es für Kinder im Vorschulalter mit Bilharziose keine geeignete Behandlung. Heute verfügen wir über ein geprüftes, wirksames und sicheres Medikament für diese Altersgruppe», sagt Eric Huber, Projektleiter der klinischen Studien am Swiss TPH.
Kinder erreichen
Die letzte Herausforderung bestand darin, die neue Behandlung für Kinder zugänglich zu machen. Im März 2025 wurde in Uganda erstmals ein Kind im Vorschulalter ausserhalb einer klinischen Studie mit dem neuen Medikament behandelt – ein Meilenstein auf dem Weg von wissenschaftlicher Evidenz zur konkreten Verbesserung der Gesundheit von Kindern.
Gemeinsam mit Gesundheitsministerien führte das Konsortium das neue Medikament im Rahmen von Pilotstudien in Uganda, Côte d’Ivoire und Kenia ein. Im Fokus standen dabei die praktische Umsetzung unter realen Bedingungen, die Akzeptanz sowie die Integration in bestehende Gesundheitssysteme.
«Dieser Meilenstein trägt dazu bei, die Behandlungslücke für kleine Kinder zu schliessen und die Eliminierung der Bilharziose als Problem der öffentlichen Gesundheit voranzutreiben», sagt Peter Steinmann, Public-Health-Spezialist am Swiss TPH.
Parallel dazu laufen Vorbereitungen, um eine grossflächige Produktion des Medikaments in Afrika zu ermöglichen. Damit sollen ein langfristiger und nachhaltiger Zugang gesichert sowie lokale Produktionskapazitäten gestärkt werden. Die Einführung wird derzeit auf weitere Länder ausgeweitet, darunter Tansania und Senegal.
Die Entwicklung des Medikaments – von der frühen Forschung über klinische Studien bis hin zum Zugang – zeigt, wie langfristige Partnerschaften wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Lösungen übersetzen können, die die Gesundheit von Kindern nachhaltig verbessern.