Die Schweiz erlebt diese Woche ihre erste Hitzewelle des Jahres mit Temperaturen von bis zu 37°C und möglichen neuen Juni-Rekorden in mehreren Regionen. Hitze ist die Naturgefahr, die in der Schweiz nach wie vor die meisten Menschenleben fordert – mehr noch als Lawinen, Hochwasser oder Stürme. Und dennoch wird sie in der öffentlichen Wahrnehmung oft unterschätzt. Martina Ragettli, Umweltepidemiologin am Swiss TPH, erklärt, was das für unsere Gesundheit bedeutet – und wie die Schweiz mehr tun kann.

«Die Hitzewelle, die uns diese Woche erreicht, ist kein überraschendes Ereignis. Sie ist Ausdruck eines Musters, das wir seit Jahren beobachten: Hitzewellen werden in der Schweiz häufiger und intensiver.
Man kann Hitze als stillen Killer bezeichnen, denn offiziell stirbt kaum jemand direkt daran. Doch Hitze führt häufig dazu, dass sich bestehende Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Atemwegserkrankungen verschlimmern. In der Todesursachenstatistik geht dieser Zusammenhang jedoch meist verloren.
Im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit führen wir seit 2023 ein jährliches Monitoring der hitzebedingten Sterblichkeit durch. Es zeigt: Ein Hitzetag mit 32°C verursacht heute weniger Todesfälle als noch vor zwanzig Jahren. In den letzten Sommern wurden jeweils rund 500 Todesfälle auf Hitze zurückgeführt. Verglichen mit rund 1’400 Todesfällen im Hitzesommer 2003 ist das ein deutlicher Rückgang, der darauf hindeutet, dass die Anpassungsmassnahmen der letzten Jahre wirken.
Dennoch erfolgt die Anpassung nicht schnell genug. Bei kurzfristigen Massnahmen wie Informationskampagnen, Abkühlmöglichkeiten oder Nachbarschaftshilfe für ältere Menschen hat die Schweiz zwar Fortschritte gemacht. Viele Kantone haben zudem Hitzeaktionspläne eingeführt. Eine aktuelle Studie, an der wir mitgewirkt haben und die 102 europäische Städte umfasst, belegt die Wirksamkeit dieser Pläne: Sie können die hitzebedingte Sterblichkeit um rund 25% senken.
Gleichzeitig gibt es weiterhin Lücken. Hitzeaktionspläne sollten flächendeckend umgesetzt werden und nicht nur kurzfristige, sondern auch langfristige Schutzmassnahmen umfassen. Handlungsbedarf besteht zudem bei der Vorbereitung von Gesundheitseinrichtungen. Bei unserer im Jahr 2025 durchgeführten Befragung von Mitarbeitenden in Pflege und Betreuung gaben rund 40% an, dass in ihren Einrichtungen keine Massnahmen zum Schutz von Patient:innen und Klient:innen vor Hitze vorhanden sind. Auch Schulkinder und Menschen, die im Freien arbeiten, müssen besser geschützt werden.
Langfristig sind zusätzliche Anpassungen erforderlich, beispielsweise in der Raumplanung und Architektur. Mehr Grünflächen oder eine an das Klima angepasste Gestaltung der Gebäude schützen nicht nur vor Hitze, sondern fördern auch Erholung, Bewegung, Begegnung und die psychische Gesundheit.
Im Rahmen der CCHeSS-Studie untersuchen wir aktuell, wie sich hohe Temperaturen auf Gesundheit, Wohlbefinden, Verhalten sowie auf die Nutzung von Gesundheitsdiensten der Schweizer Bevölkerung auswirken. Etwa 1'200 Personen füllen dazu über den Sommer hinweg regelmässig Fragebögen aus. Die aktuelle Hitzewelle liefert uns dabei Daten aus erster Hand. Die Ergebnisse werden dabei helfen, Schutzmassnahmen gezielter zu entwickeln, denn die Hitze wird uns in Zukunft häufiger und stärker fordern als bisher.»
Für Medienanfragen wenden Sie sich bitte an: communications@swisstph.ch
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